Zentangle - Meditation im scheinbaren Chaos
Sabine Kühn
Fast jeder hat schon mal an der Warteschleife einer Telefon-Hotline gehangen und nebenbei kleine Muster auf ein Blatt Papier gekritzelt. Oder in Meetings den Stift kreisen lassen. Warum eigentlich? Aus Desinteresse, Langeweile oder Unaufmerksamkeit? NEIN! Das Kritzeln ist Ausdruck tiefster Konzentration. Mit diesem Trick sorgt das Gehirn dafür, dass wir nicht vom Thema abschweifen. Und was wir unbewusst tun, können wir auch bewusst benutzen!
Hier kommt
Zentangle ins Spiel
Das ist eine meditative Zeichentechnik. Der Begriff ist zusammengesetzt aus „Zen“, was aus dem Buddhismus kommt und für Meditation steht, und „tangle“, was Knäuel oder Durcheinander bedeutet. Entwickelt wurde die Technik in den USA von Rick Roberts und Maria Thomas. Sie, Künstlerin und Kalligraphin und er, buddhistischer Mönch. Wie passend!
2004 war das und somit ist Zentangle eine äußerst junge Kunstform. Aber auch eine, die sich rasend schnell weltweit verbreitet hat.
In abstrakten Mustern Ruhe finden
Und das liegt daran, dass man bei Zentangle herrlich entspannen kann. Es ist eine Meditation ohne klassisch zu meditieren. „Yoga für’s Gehirn“ wie manche sagen. Schon lange vor Zentangle wusste man, dass malen oder ausmalen Stress abbauen kann. Auch beim Kritzeln geht man davon aus, dass man dadurch überschüssige Energie los wird und in einen Zustand der Entspannung versetzt wird und trotzdem voll konzentriert ist.
Die sich immer wiederholenden Bewegungen beim Zentangle bringen Hand und Auge und damit Körper und Geist zusammen. Das Ergebnis: innere Ruhe.
Eine kinderleichte Technik mit Glücksgarantie
Um zu „tanglen“, wie es inzwischen heißt, braucht man keine künstlerischen Vorkenntnisse. Man fängt einfach an. Um diesen ersten Schritt leichter zu machen, gibt es beim Zentangle nur abstrakte Muster. Bestehend aus Linien, Punkten, Kreisen und Bögen oder Kurven. Und die kann wirklich jeder zeichnen. Diese Muster sind sehr einfach und kehren immer wieder.
Man muss sich nicht vorher überlegen, wie das Bild am Ende aussehen soll, es entsteht im Prinzip von selbst.
Zwei Dinge braucht der Tangler
Eine „Kachel“ und einen Stift – gern einen Fineliner, weil er wunderbare Linien erzeugt und sehr leicht über das Papier gleitet – und schon kann es losgehen. Diese Papierkachel ist ein Quadrat von
9 mal 9 Zentimetern – das ist so etwa Bierdeckelgröße. Dadurch braucht man keinen großen Tisch, kein Atelier und keine Staffelei. Tanglen kann man überall. Im Zug, im Restaurant, im Wartezimmer oder eben zu Hause.
Dieses kleine Format ist nicht nur leicht händelbar, sondern kann auch einfacher gedreht werden.
Wenige Regeln mit enormer Wirkung
Es beginnt mit vier Punkten auf dem Papier, die mit einer Linie verbunden werden. Das erzeugt einen inneren Rahmen. Der wird dann in vier Abschnitte unterteilt. Die können gleich groß sein, müssen sie aber nicht. Jetzt die einzelnen Bereiche Strich für Strich mit verschiedenen Mustern ausfüllen.
Es braucht kein Konzept, keinen ausgeklügelten Plan. Und am Ende steht ein kleines Bild mit verblüffendem Effekt.
Beim Tanglen kann nichts schiefgehen
Es gibt kein richtig oder falsch, kein oben und unten. Weil es nicht um Perfektion geht. Und wenn mal ein Strich verrutscht, ist das kein Fehler, sondern eine neue Möglichkeit. Man kann das Muster einfach verändert weiterführen. Also den unerwünschten Strich in ein neues Element einfügen. Frei nach dem Motto: es ist etwas Unerwartetes passiert? Mach was draus!
Das fertige Kunstwerk wird dann auch noch in einer Hinsicht überraschen: egal von welcher Seite man es betrachtet, es funktioniert als Bild!
Eine Technik mit vielen Vorteilen
Genau das ist das Wunderbare. Man hält ein traumhaft schönes Ergebnis in den Händen. Das gibt einem das Gefühl etwas Einzigartiges kreiert zu haben. Und das ist tatsächlich so. Auch wenn immer die gleichen Regeln befolgt werden, gleicht kein Bild dem anderen. Jedes ist ein Unikat.
Man kann stolz darauf sein und das stärkt das Selbstvertrauen.
Ganz nebenbei hat man die Auge-Hand-Koordination trainiert und die Feinmotorik verbessert.
Die Entspannung kam schon zur Sprache. Auch die hat positive Wirkungen. Sie hilft Stress abzubauen, kann Ängste lindern, bei Hyperaktivität sehr unterstützend wirken, fördert Kreativität, Achtsamkeit und Konzentration. Darum wird Zentangle auch bei bestimmten Therapieformen eingesetzt. Längst nicht mehr nur in den USA, sondern auch in Deutschland.
Übrigens: Weil es am Anfang um die Kritzler ging. Man hat herausgefunden, dass Menschen, die nebenbei den Stift kreisen lassen, bei der Gedächtnisleistung besser abschneiden.
PS: Zentangle-Kurse gibt es auch bald wieder in der Pommernstube-Kreativwerkstatt!
