Bernstein - Das Gold der Ostsee
Sabine Kühn
Oft sieht man an Ostseestränden Menschen in gebückter Haltung, die den Sand Zentimeter für Zentimeter regelrecht scannen. Schatzsucher, die hoffen den sagenumwobenen Bernstein zu finden. Um ihn ranken sich viele Mythen und bis heute wissen wir noch längst nicht alles über den beliebten Liebes- und Sonnenstein.
Wie ist Bernstein eigentlich entstanden?
Kommt drauf an, woran man glaubt. Laut Legende sind Bernsteine die Tränen der Heliaden. Die Töchter des Sonnengottes Helias weinten bitterlich um ihren Bruder Phaëton, der beim wilden Ausflug mit dem Sonnenwagen des Vaters ums Leben kam. Als die Schwestern in Bäume verwandelt wurden, erstarrten ihre Tränen und wurden durch das Sonnenlicht zu Bernstein.
Andere Quellen erzählen von einem Schloss aus Bernstein das auf dem Meeresgrund steht. Nachdem es zerstört wurde, wird das Gold der Ostsee immer wieder an den Strand gespült.
Aber eigentlich ist Bernstein kein Stein. Es ist Baumharz, das vor Jahrmillionen aus den Wunden von Nadelhölzern floss, an der Luft aushärtete und schließlich durch Druck und Hitze zu Bernstein wurde.
Bis heute weiß man nicht genau, welcher Baum genau dieses spezielle Harz als Tropfen verloren hat.
Und hier wird es wieder mysteriös. Angeblich ist der Urheber der „Bernsteinbaum“ – ein Nadelbaum, der längst ausgestorben ist. Das bedeutet auch, dass kein neuer Bernstein mehr entsteht.
Wie alt ist Bernstein eigentlich?
Das Stichwort hier ist: Jahrmillionen. Aber wie viele?
Der älteste Bernstein stammt wohl aus der Zeit vor 310 Millionen Jahren! Der ist aber äußerst selten. Die meisten Bernsteine sind zwischen 30 und 50 Millionen Jahre alt. Auch beeindruckend. Mit jedem zarten Stein halten wir also ein Stück Erdgeschichte in den Händen.
Welche Vielfalt kann man finden?
Die Palette ist riesig! Wissenschaftler haben 250 Farben und Farbschattierungen gefunden. Sie reichen von fast farblos über weiß bis zum bekannten goldgelb. Es sind auch satte Rot- und Brauntöne möglich. Manche Bernsteine haben eine bestimmte Trübung. Dadurch entstehen bei der Lichtbrechung auch grüne und blaue Farbtöne. Dunkelbraune und fast schwarze Schattierungen haben sich durch größere Einschlüsse gebildet.
Neben diesen Farbspielen gibt es Bernstein in unzähligen Formen. Man spricht unter anderem von Tropfen, Zapfen, Fladen oder Schlauben. In letzterem werden häufig die wertvollen Einschlüsse gefunden.
Wann und wo lohnt die Schatzsuche?
Apropos finden…
An der Ostseeküste hat man gute bis sehr gute Chancen, eine „Träne der Götter“ zu finden. Schließlich lagern etwa 90 Prozent der Bernsteinvorkommen genau in uns an diesem Binnenmeer.
Am besten nach einem stürmischen Herbst- oder Wintertag mit auflandigem Wind. Dann wird der Bernstein regelrecht aufgewirbelt und an den Strand gespült. Idealerweise ist das Wasser kalt, denn
bei 4 Grad schwimmt das begehrte Harz im Salzwasser am besten.
Man sollte sich am frühen Morgen oder am späten Abend auf den Weg machen, wenn die Spuren der Turbulenzen oder einer Flut noch frisch sind. Bei Dunkelheit hilft eine UV-Lampe, weil Bernstein mit einem Leuchten antwortet. Wer bei Windstille und ruhiger See auf die Suche geht, wird mit leeren Händen zurückkehren.
Übrigens: Das weltweit berühmteste Bernsteingebiet ist Samland – eine Halbinsel auf der sich auch die Stadt Kaliningrad befindet.
Wo ist Bernstein noch zu finden?
Ob man es glaubt oder nicht: im Tagebau!
Weil Bernstein nur in einem Wald entstehen kann, gibt es Vorkommen auch da, wo es urzeitliche Waldgebiete gab. Davon sind nur noch sehr, sehr wenige erhalten aber es gibt sie. Zum Beispiel in der Nähe von Bitterfeld. Dort wurden im Braunkohletagebau große Mengen entdeckt. Vor etwa 50 Jahren begann dann der Abbau von Bernstein in großem Stil. Man verpasste dem Harz den Beinamen „Gold der Goitzsche“ und holte tonnenweise aus der Erde.
In den 1990er Jahren wurde der Tagebau geflutet, er ist jetzt der Große Goitzschesee. Man kennt ihn allerdings auch als „Bernsteinsee“ und geht davon aus, dass es auf seinem Grund noch große Bernsteinvorkommen gibt.
Seit wann wird Bernstein verwendet?
Wir kennen das „Gold des Nordens“ (noch ein neuer Name) als Schmuckstein. Doch auch unsere Vorfahren wussten die Schönheit des Bernsteins zu schätzen.
Vor etwa 6.000 Jahren fertigten die Ägypter schon Kunstgegenstände und Schmuck aus dem edlen Harz. In der Bronzezeit wurde es eine beliebte Grabbeigabe.
Lange war Bernstein neben Salz und Rohmetallen ein sehr wertvolles Handelsgut. Hatte man große Vorkommen, konnte man die auch sehr gut zu Geld machen. An der Ostsee gab es im Mittelalter einen regelrechten Goldrausch. Ein paar Jahrhunderte später gipfelte das Ganze im legendären Bernsteinzimmer, das bis heute als verschollen gilt.
Welche Heilkräfte werden Bernstein zugeschrieben?
Da gibt es einige.
Der „Stein des Lebens“ soll schmerzlindernd wirken, bei Haut-, Gelenk- und Atemwegserkrankungen auch entzündungshemmend. Babys soll Bernstein beim Zahnen unterstützen.
Auch für die Seele kann er wohl einiges tun.
Dabei geht es um Lebenskraft, Vitalität, innere Balance und das Lindern von Ängsten.
In der Astrologie wird Bernstein Stier und Zwilling zugeordnet. Beim Erdzeichen Stier soll er Sinnlichkeit und Optimismus stärken, den luftigen Zwillingen mehr Ruhe und Selbstvertrauen schenken.
Wie erkennt man echten Bernstein?
Eine wichtige Frage, denn Fälschungen gibt es zuhauf.
Meist werden sie aus Kunstharz hergestellt.
Es gibt aber einfache Tests, um echten Bernstein vom falschen zu unterscheiden.
Bernstein schwimmt in Salzwasser.
Er leuchtet unter UV-Licht.
Er ist brennbar.
Reibt man ihn an einem Fell, Wolltuch oder Samt, lädt er sich elektrostatisch auf und zieht kleine Fusseln an.
Rohbernstein hat normalerweise noch seine Verwitterungskruste. Dadurch sieht er noch sehr unscheinbar aus. Erst nach dem Schleifen und Polieren offenbart er sein strahlendes Wesen.
Übrigens: der größte Bernstein der Welt liegt im Naturkundemuseum in Berlin. Er ist etwa 50 Zentimeter lang, wiegt mehr als 9 Kilo und ist garantiert echt!
PS: Ob selbst gefunden oder gekauft – in der Pommernstube-Kreativwerkstatt bekommt Ihr Bernstein und lernt, wie man ihn bearbeitet.
